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Das Ende von „ich schaffe das“ - Vom Mut zur undenkbaren Lösung

Hindernisse zu überwinden und Krisen aktiv zu meistern ist Teil der unternehmerischen DNA. Doch zwingt die aktuelle wirtschaftliche Lage manche Firmeninhaber dazu, die Waffen zu strecken. Mentaltrainerin Gabriela Friedrich zeigt, wie der Mut aufzuhören oder dem Schicksal zu vertrauen neue Türen öffnet.

 

Corona-Maßnahmen umsetzen, Prozesse optimieren, Kosten senken, Personal abbauen, staatliche Hilfen nutzen, neue Produkte oder Dienstleistungen entwickeln und und und – die Liste dessen, was Sie tun können, um die Existenz Ihres Unternehmens zu retten, ist lang. Glücklicherweise. Viele dieser Maßnahmen erfordern Mut. Doch ist es eine Form von Mut, die Sie vermutlich kennen: den Mut zu kämpfen, durchzuhalten und an den Erfolg des eigenen Tuns zu glauben. Doch gibt es zwei weitere Lösungen, die Mut erfordern. Scheinbar undenkbare Lösungen, die dann akut werden, wenn alles Kämpfen entweder nichts nützt oder sich falsch anfühlt: Aufhören oder vertrauen ins Schicksal.

 

„Wir können und wollen nicht mehr anders – wir schließen.“
Am 19. April machte im Netz ein Video die Runde. Es zeigte eine junge Frau, die unter Tränen einen Brief verlas, in dem sie sich von dem Familienunternehmen, das sie mit ihrem Bruder in 6. Generation leitete, verabschiedete. „Wir schließen dich nach 403 Jahren, seit 1617 haben unsere Vorfahren ihre Energie und ihr Engagement für dich gegeben. Aber heute, im Jahr 2020, können und wollen wir nicht mehr.“ Bei dem Familienunternehmen, dessen Ende sie ankündigte, handelt es sich um die Wernecker Bierbrauerei. „Unsere Ahnen haben hart gekämpft, um dich, unsere Brauerei, selbst in Kriegs- und Notzeiten zu erhalten. Auch wir haben viele Krisen gemeistert, aber jetzt sind wir müde, so unfassbar müde.“ Sie schilderte, wie viel Kraft sie der ständige Kampf gekostet hatte, wie allgegenwärtig die Firma selbst im Privatleben gewesen war und wie oft jeder in der Familie für das Unternehmen nicht nur an, sondern über seine persönlichen Grenzen gegangen war. Jetzt, als viele der Großkunden aus der Gastronomie weggebrochen waren, hatte die Familie die schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen: die Schließung zum 30. September. Ohne Insolvenz, aus freien Stücken. Ein Abschied in Würde. 

Hier hat sich eine Familie ganz bewusst gegen das „wir schaffen das“ bzw. „ich schaffe das“ entschieden. Damit sind sie mutig ausgebrochen aus dem mentalen Regelwerk, das derartige Lösungen für Unternehmer doch gar nicht vorsieht. 

Könnten Sie solch eine Entscheidung für Ihr Unternehmen treffen? Bitte spielen Sie dies doch einmal – völlig unabhängig davon, wie Ihre Firma gerade dasteht – im Kopf durch. Wäre es eine denkbare Option? Oder ist solch ein freiwilliger Schlussstrich für Sie unvorstellbar, weil… Ja, warum eigentlich? Stecken dahinter nur rationale finanzielle Gründe oder auch Glaubenssätze, die Ihr Entscheidungsspektrum begrenzen? Gängig sind Gedanken wie:

„Das darf oder tut ein Unternehmer nicht.“ 

„Dann wäre ich ein Versager oder würde meine Vorfahren verraten.“, 

„Was sollen denn die Leute von mir denken?“ 

„Nur Schwächlinge geben auf.“ 

„Wer bin ich denn ohne meine Firma?“

„Ein Leben ohne Sorge ums Unternehmen steht mir nicht zu.“ etc. 

 

Es kann da so einiges geben, was in der Arena hält, ob man will oder nicht. Und genau das ist das Problem: Wem nicht mental und emotional der Weg des freiwilligen Abschieds offensteht, ist Sklave der Firma. Doch wer will das schon? 

Tipp: Befreien Sie sich von diesen gedanklichen Fesseln. Es gibt eine ganze Reihe von Mentaltechniken, die speziell zu diesem Zweck entwickelt wurden.

Eine mögliche positive Wirkung dieser Aktion könnte sein, durch einen freiwilligen Abschied eine erzwungene Insolvenz oder gar eine Insolvenzverschleppung, verursacht durch Problemverdrängung, zu verhindern. Fragen Sie einmal beim Verein der Anonymen Insolvenzler nach, hinter wie vielen der Beratungsfälle die Unfähigkeit von Unternehmern steckt, eine rechtzeitige Firmenschließung in Betracht zu ziehen… 

 

„Ich entspanne und vertraue.“
In seinem Nachgedacht-Beitrag (HAMBURGER UNTERNEHMER 02/2020)  schreibt Dr. Björn Castan u.a. von der Religion als Mutspender. Zahllose Gläubige haben in Notlagen schon um Gottes Beistand oder gar ein Wunder gebetet. Und so manch einer berichtete, nicht nur Zuversicht, sondern tatsächlich eine Form von Hilfe empfangen zu haben. Wie kann so etwas sein – Zufall, Fügung oder gibt es da tatsächlich etwas, dem wir uns vertrauensvoll überantworten können? Und können auch Atheisten so etwas wie himmlischen Support erhalten?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich nicht nur Theologen, sondern mittlerweile auch einige Forschungsrichtungen. Sie wollen herausfinden, ob – und wenn ja, wie – das menschliche Bewusstsein mit der Umwelt in Beziehung tritt. Allerdings lassen überzeugende Antworten aus Quantenmechanik und Physik noch auf sich warten. 

Dass es auch ohne wissenschaftliche Erklärung und sogar ohne Gott klappt, zeigen mir immer wieder Kundenerlebnisse in meiner Telefon-Coachingpraxis. Anfang Mai meldete sich bei mir ein Selbständiger, der wegen Corona seit März keinen Auftrag mehr gehabt hatte. Nun kommt Auftragsflaute als Coachingthema häufiger vor. Unabhängig von der Höhe ihrer noch vorhandenen Rücklagen sind die Klienten in der Regel extrem angespannt und grübeln entweder verkrampft über Lösungen oder sind vor Angst wie erstarrt. Einige plagen zudem Selbstvorwürfe, weil sie vielleicht vor dem Auftragsabbruch noch teure Ausgaben getätigt haben. Dieses Geld sähen sie jetzt lieber auf ihrem Konto…

Im Fall von Selbstvorwürfen oder Selbstkritik – berechtigt oder nicht – starten wir mit Vergebungsarbeit. Denn, das werden Sie kennen, im Zustand der Selbstzerfleischung ist kein Mensch klar im Kopf, kreativ und handlungsfähig. Erst wenn Selbstkritik oder Schuldgefühle beseitigt sind, kümmern wir uns um die Gedanken und Gefühle, die unmittelbar mit der desolaten Auftragslage verbunden sind. In der Regel sind das Druck, Angst und die Überzeugung, diese Krise irgendwie alleine lösen zu müssen. Angst und Druck lassen sich gut mit den Standardabläufen meiner Mentaltechnik (S)HE – (Self) Hypno Empowerment auflösen und durch Entspannung und Zuversicht ersetzen. Danach fragte ich meinen Kunden, wie ihm folgender Satz gefiele:

Ich trete beiseite und lasse das Universum die schwierigen Dinge erledigen.

 

Auf den Schultern von Selbständigen und Unternehmern ruht tagtäglich die Last der Verantwortung, da kann es unendlich erholsam empfunden werden, sie zumindest kurzfristig einmal abzugeben. Dem Klienten ging es auch so, er ließ sich gerne auf diese Idee ein. Weil unser Unterbewusstsein in Bildern denkt, schlug ich ihm als nächsten Schritt eine Visualisierungsübung vor, die auch Sie einmal ausprobieren können: 

Stellen Sie sich vor, wie eine strahlende Lichtsäule aus der Mitte Ihres Kopfes nach oben reicht. Dieses Licht verbindet Sie mit etwas, das Ihrem persönlichen Glaubenssystem entspricht: das Göttliche, die Quelle, universelle Intelligenz oder im Fall meines Klienten das Universum. Dieses Etwas ist uns in der Vorstellung wohlgesonnen, weise und machtvoll. Mit seinem übergeordneten Wissen vermag es Probleme viel besser zu lösen als wir aus unserer begrenzten menschlichen Perspektive. Wenn wir denn mal aufhören, es dabei dauernd zu stören, ihm dezidierte Vorgaben zu machen oder ihm zu misstrauen. Bekräftigen Sie einfach, dass Sie bereit sind, die Unterstützung des Universums vertrauensvoll zu empfangen. Dass Sie beiseitetreten und das Richtige geschehen lassen. 

Keine Sorge, ich schlage Ihnen nicht vor, in Passivität zu verfallen oder die Leitung Ihres Unternehmens einer höheren Macht zu übertragen. Das ist spinnert und kann nur schief gehen. Hier geht es lediglich darum, für einige wenige Minuten einen anderen Bewusstseinszustand zu erreichen. Einen, in dem Sie komplett entspannt und vertrauensvoll sind, vollständig offen Gutes zu empfangen, auf welche Weise es auch immer in Ihr Leben tritt. Sozusagen ein Miniurlaub vom permanenten „wie genau mach ich das und klappt das wirklich?“ Ist das nicht wohltuend?

Noch am Tag des Coachings erhielt ich von meinem Klienten zwei Mails: die erste zweieinhalb Stunden nach Ende des Coachings: „Stellen Sie sich vor, gerade kam ein großer Auftrag rein.“ Und eine weitere in den Abendstunden: „Ich fasse es nicht – noch ein weiterer Auftrag!“ Sein Mut, die Kontrolle kurz einmal vertrauensvoll abzugeben, schien tatsächlich belohnt worden zu sein.

Von solch unerklärlichen Fügungen berichten mir die Klienten im Anschluss an diese Übung zu häufig, um das Ganze für bloßen Zufall halten zu können. Doch nicht immer kommt die Lösung als ein unverhoffter Auftrag. Manchmal ist es eine plötzliche Idee, wie sich das Businessproblem lösen ließe. Oder die unverhoffte Begegnung mit einem Menschen, der sich als rettender Engel entpuppt. Berühmte Komponisten und Schriftsteller kennen dieses Phänomen übrigens ebenfalls, auch sie sprechen häufig von Eingebungen als Ursprung ihrer Werke.  

Tipp: Wenn Sie müde sind alles alleine schaffen zu müssen, machen Sie diese Visualisierungsübung täglich für wenige Minuten, genießen Sie die Entspannung und lassen Sie sich überraschen, was passiert. Es braucht nur ein klein wenig Mut, vorübergehend aus der aktiven in die rezeptive Rolle zu wechseln. Mehr ist es nicht. Und lohnt sich.