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Ich-Kapital - Mit Lebenswerten krisenfest

In der Mitte des Lebens und beim Wechsel in den Ruhestand steigt das Risiko von Sinnkrisen. Mentaltrainerin Gabriela Friedrich gibt Anregungen, um Krisen durch das Bewusstsein für Lebenswerte rechtzeitig vorzubeugen.

 

„Erkenne dich selbst“ lautet eine Inschrift am Apollotempel von Delphi. Sie fordert den Menschen auf, sich nicht in Äußerlichkeiten zu verlieren, sondern den Blick auf das Innerste und die eigene Grundhaltung zu richten. Nun steht mußevolle Selbstreflexion eher selten im Terminkalender eines Familienunternehmers. Seine Gedanken gelten der Firma, ihrem Aufbau und ihrer langfristigen Sicherung. Mit Glück werden dann noch einige Stunden für das Familienleben und für das Engagement in Verbänden und Institutionen freigeschaufelt. Doch Zeit für Selbsterforschung - Fehlanzeige. 

 

Das rächt sich. Spätestens in mittleren Jahren, wenn die Firma konsolidiert ist und in der Ehe Langeweile Einzug gehalten hat, schliddern viele in die Midlifecrisis. Plötzlich ist da diese nagende Unzufriedenheit, die sich mit Konsum nicht mehr zum Schweigen bringen lässt. „War das alles?“ fragen sich Männer wie Frauen, und spüren: etwas fehlt. Aber was? Der Drang wächst, sich neu zu erfinden. Neue Liebe? Neues Leben? Neues Selbst? Das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit wächst, die Jahre werden kostbarer und man möchte endlich glücklich sein, nicht nur zufrieden und saturiert. Aber wie?

 

Sven, Günther und der normale Wahnsinn in der Lebensmitte und beim Berufsausstieg

 

Sven erwischte es mit 50 Jahren. Seine Firma für Finanzdienstleistungen lief, in seiner mittlerweile 18 Jahre währenden Ehe gab es kaum Streit, allerdings auch keine Schmetterlinge mehr. In seinem Leben schien plötzlich etwas zu fehlen, was er noch nicht einmal konkret benennen konnte. Er merkte nur, wie ihn dieses Ungreifbare immer unleidlicher und gereizter werden ließ, sodass er sich kaum noch auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Hinzu kam, dass sein Körper ihn mit immer mehr Beschwerden traktierte. Und als ihm dann noch eine attraktive, temperamentvolle Frau begegnete, fing er eine Affäre an, obwohl dies seinen Werten überhaupt nicht entsprach und ihn das schlechte Gewissen fast wahnsinnig machte. 

 

Auch der 75-jährige Günther steckte in einer Lebenskrise. Er leitete das Familienunternehmen seit 40 Jahren und hatte vor 10 Jahren seinen Sohn in die Geschäftsleitung aufgenommen. Nun drängte ihn der, sich endlich zurück zu ziehen und ihm die volle Verantwortung zu übertragen. Doch die Aussicht auf ein Leben ohne Berufstätigkeit lockte Günther so gar nicht. Er erfand ständig Gründe, weshalb seine Mitarbeit noch nötig war. Denn insgeheim war da die Angst, nach dem Aufhören in ein emotionales Loch zu fallen. Ihn quälte die Frage, wer er ohne seine Firma war. Welchen Sinn hatte sein Dasein noch, wenn er im Unternehmen nicht mehr gebraucht wurde? Diese Probleme mit dem Eintritt in den Ruhestand haben viele Menschen, deren Leben vom Beruf dominiert ist und die es versäumt haben, sich noch ein anderes Fundament von Lebenswerten aufzubauen. 

 

Lebenswerte-Mini-Test

 

Ein zentraler Wert, der uns krisenfest macht, ist das klare Bewusstsein unserer Identität, d.h. die eindeutige Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ In welchem Umfang Sie über diese Klarheit verfügen, können Sie ganz einfach herausfinden, indem Sie so tun, als wären Sie Gast bei einem meiner Dinner-Events. Denn dort habe ich folgende Regel für die Vorstellungsrunde eingeführt. 

 

„Präsentieren Sie sich, ohne Ihren Namen, Ihre Firma, Ihren Beruf, Ihre Funktion, Ihren Ehe- oder Ihren Familienstand zu nennen.“

 

Probieren Sie es einfach einmal aus und beschreiben Sie, was Sie als Persönlichkeit mit individuellen Konturen ausmacht. Und? Was fällt Ihnen spontan ein? Falls Sie sich mit dieser Form der Selbstpräsentation ein wenig schwer tun, ist dies normal. Schließlich sind Sie daran gewöhnt, sich als Familienunternehmer zu sehen. Damit sind Ihre identitätsstiftenden Rollen die von Vater bzw. Mutter oder Unternehmerin bzw. Unternehmer. Tatsächlich aber sind Sie auch losgelöst von diesen Rollen eine einzigartige Persönlichkeit. Dessen gilt es sich bewusst zu werden, denn eben dieses Bewusstsein für Ihre besonderen Talente und Gaben, Ihre Vorlieben und Leidenschaften, Ihre Werte und Überzeugungen ist Ihr Kapitel. Dieses Kapital können Sie in jedem Lebenskontext einsetzen und es bleibt Ihnen, ganz egal, wie sich Ihre berufliche oder familiäre Situation entwickeln mag. 

 

Tipp: Wenn Sie Ihre Einstellungen und Werte erforschen, überprüfen Sie sie daraufhin, ob es wirklich Ihre sind. Wie leicht passiert es, die Einstellungen der Eltern ungeprüft zu übernehmen. Dies ist die Macht der unbewussten Konditionierungen. Sie legen sich über die Kernpersönlichkeit des Menschen und halten ihn davon ab, sein ureigenes Potential zu entfalten. 

 

Sven und Günther haben diese Erkenntnisprozesse mittlerweile durchschritten und ihr Ich-Kapital erkannt. Für Sven bedeutet das, die in seiner Kindheit mit einer emotionsarmen Mutter entstandene Neigung abzulegen, unangenehme Gefühle zu verdrängen oder sofort mit einer praktischen Lösung beseitigen zu wollen. Die wachsende Gefühlstiefe bringt ihn seiner Frau näher, die er nun besser verstehen und der er sich leichter öffnen kann. Mit innigen Gesprächen, liebevollen Gesten, verrückten Unternehmungen und Sex jenseits der eingefahrenen Bahnen wird er frischen Wind in seine Ehe bringen, was sein Leben wieder erfüllend, bunt und intensiv macht. Vorbei die Unzufriedenheit, vorbei die Untreue.

 

Günther sieht inzwischen Perspektiven außerhalb der Firma: Er ist er vielseitig interessiert, kann gut mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen umgehen, ist organisationsstark und eloquent. Mit diesem Fundus guter Gaben wird es ihm leicht fallen Organisationen und Institutionen zu finden, in denen er sich im Ruhestand sinnstiftend und mit Freude einbringen kann. Wenn er die Berufstätigkeit loslässt, erwartet ihn also kein emotionaler Abgrund mehr, sondern ein neuer, bereichernder Lebensabschnitt, in den er gerne hinüberwechselt.

 

 

Das Lebenswerte-Portfolio

 

Nun ist allerdings das Wissen um das eigene Ich nicht der einzige wichtige Posten, den ein Lebenswerte-Portfolio beinhalten muss, damit es trägt. Was ebenfalls in Ihr Portfolio gehört:

 

1. Soziale Bindungen: Unternehmerinnen tun sich in der Regel leichter damit, sich parallel zu ihrem beruflichen Engagement auch um gute Beziehungen zu anderen Menschen zu kümmern. Deshalb sollten insbesondere Männer drauf achten, hier kein Defizit entstehen zu lassen. Zu den sozialen Bindungen gehört zuallererst das Verhältnis zu Partnerin oder Partner. Und nein, eine Ehe läuft nicht von selbst. Damit sie gesund und erfüllend bleibt, braucht sie ständige Aufmerksamkeit, echte Nähe herstellende Gespräche, ungestörte Zweisamkeit, Romantik, Leidenschaft und guten Sex. Ein anderes Thema speziell für Männer ist es, Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, statt dies an die Frau outzusourcen. 

 

2. Sinnstiftendes: Am glücklichsten macht es uns, wenn wir anderen Menschen helfen oder dazu beitragen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wo möchten Sie sich aktiv einbringen?

 

3. Freude und Lebendigkeit: Wie tanken Sie Kraft? Was macht Ihnen so viel Spaß, dass Sie gar nicht mehr aufhören können zu grinsen? Welche Freizeitbeschäftigungen bringe Farbe in Ihren Alltag, sodass Sie sich lebendig und jung fühlen? Solche Aktivitäten benötigt Ihre Seele als Ausgleich zu Pflicht und Druck.

 

4. Gesundheitsfürsorge: Ihr psychischer Zustand und das Niveau Ihrer Energie sind unmittelbar mit dem Zustand Ihres Körpers verbunden. Deshalb profitieren Sie doppelt, wenn Sie auf Ihre Ernährung und Ihre Gesundheit achten. Umgekehrt wirkt sich eine gute emotionale Verfassung positiv auf Ihr Immunsystem und die einzelnen Organe aus. 

 

Fazit: Unternehmerische Werte zu schaffen und zu erhalten, ist wichtig. Doch bitte kümmern Sie sich auch um Ihre Lebenswerte. Für Glück und Zufriedenheit in jedem Alter.